Der Traditionserlass von 1965

Der Traditionserlass von 1965

Schon im Amt Blank (1952 bis 1955) konnten sich die Befürworter einer klaren Aussage zur Wehrmacht nicht durchsetzen. Man scheute sich, das heiße Eisen anzufassen. Politische Rücksichten auf die Bestrebungen zur Wiederbewaffnung und Ehrenerklärungen für die Soldaten der Wehrmacht von Adenauer, Schumacher, Mende und Eisenhower bestimmten die politische Debatte. Die Politik begnügte sich in der Regel mit dem Verdrängen von Schuld und Verstrickung.

Also dauerte es ca. zehn Jahre, bis Minister Kai-Uwe von Hassel am 1. Juli 1965 den ersten Traditionserlass der Bundeswehr herausgab. Er war von den streitenden Parteien innerhalb und außerhalb des Ministeriums so oft neu gefaßt und romantisierend geschönt worden, bis das Wort „Wehrmacht“ darin überhaupt nicht mehr vorkam. Vom „Widerstand“ war nur sehr allgemein, bezogen auf die gesamte deutsche Geschichte, die Rede:

Bundeswehr und Tradition

Tradition ist Oberlieferung des gültigen Erbes der Vergangenheit. Traditionspflege ist Teil der soldatischen Erziehung. Sie erschließt den Zugang zu geschichtlichen Vorbildern, Erfahrungen und Symbolen; sie soll den Soldaten befähigen, den ihm in Gegenwart und Zukunft gestellten Auftrag besser zu verstehen und zu erfüllen .

2. Die Bundeswehr ist die erste Wehrpflicht – Streitmacht in einem deutschen demokratischen Staat. Es ist der Auftrag des Soldaten der Bundeswehr „der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und Recht und Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“. Dieser Auftrag ist der Maßstab für die gültige Tradition der Bundeswehr .

3. Recht und Freiheit werden nicht nur durch Gewaltanwendung sondern auch in der Gesellschaft und im persönlichen Bereich bedroht. Unerschrockenheit und Standhaftigkeit gegenüber dieser Gefährdung gehören daher ebenso in die gültige Tradition der Bundeswehr wie Entschlußfreude, Mut und Tapferkeit vor dem Feinde. Entscheidend ist die Bereitschaft zum Opfer für Freiheit und Recht.

4. Um der inneren und äußeren Bedrohung von Recht und Freiheit standzuhalten , bedarf es begründeter sittlicher Überzeugungen. Wer die Geschichte menschlicher Ordnungen kennt, wird sittliche Überzeugungen als Voraussetzung für ein menschenwürdiges Leben begreifen. Er wird eher bereit sein, vorbehaltlos für sie einzutreten.

5. Traditionspflege dient nicht der Selbstrechtfertigung; sie erlaubt kein Ausweichen vor selbstkritischen Erkenntnissen Nur Soldaten, die auch als Menschen ihrer Verantwortung genügt haben, sind Vorbilder , die Bestand haben . Sich an ihrem Beispiel zu orientieren, hilft dem Soldaten, einen festen Standort zu gewinnen, von dem aus er für die freiheitliche Lebensordnung eintritt.

6.In der Geschichte nehmen alle Menschen teil an Glück und Verdienst wie an Verhängnis und Schuld. Diese Einsicht schützt vor einfältiger Bewunderung ebenso wie vor blinder Verkennung. Sie öffnet die Augen für den Reichtum der Tradition, macht tolerant; bescheiden und zugleich mutig, selber Tradition zu bilden.

(…)

23. Verbände, Schiffe und Unterkünfte der Bundeswehr können mit Zustimmung des Bundesministers der Verteidigung nach Persönlichkeiten benannt werden, die in Haltung und Leistung beispielhaft waren.

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Den vollständigen Traditionserlass lesen Sie hier:  Traditionserlass der Bundeswehr von 1965


 

Als die Bundeswehr 1955 gegründet wurde, hatte sie vor allem ein Personalproblem. Für die neue Armee wurden zehntausende Offiziere benötigt, die am besten politisch unbelastet und demokratisch gesinnt sein sollten. Doch woher nehmen? Zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gab es noch keine neue militärische Elite, man musste also zwangsweise auf frühere Wehrmachts-Angehörige zurückgreifen. Um keine Kriegsverbrecher in die Truppe zu holen, wurden alle höheren Dienstgrade überprüft. Die meisten bekamen einen Persilschein.

Somit hatten unter dem Strich de facto alle Offiziere und Unteroffiziere der jungen Bundeswehr eine Wehrmachtsvergangenheit. Kanzler Adenauer kommentierte diesen Umstand einmal süffisant mit dem Hinweis, er könne gern 18-Jährige zu Generälen befördern, aber die nehme man ihm bei der Nato leider nicht ab. 1965 wurde vom damaligen Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel (CDU) der erste Traditionserlass herausgegeben.

Aus:

 

 

 

 

 

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