Workshops zur Überarbeitung des Traditionserlasses

Das BMVg hat eine Serie von Workshops veranstaltet, um die Notwendigkeit einer Überarbeitung des Traditionserlasses zu diskutieren und eine Neufassung oder Ergänzung vorzubereiten.

Dazu der Politikwissenschaftler Herfried Münkler im Interview:

Frage: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat die Überarbeitung des Traditionserlasses angeordnet. Welchen Eindruck haben Sie von dem bisherigen Verlauf dieses Diskussionsprozesses?

Münkler: Ich kann das nur bezüglich des heutigen Workshops beantworten; den jedenfalls fand ich ausgesprochen produktiv. Die Gegenüberstellung eines wesentlich historischen und eines stärker politisch-ethischen Ansatzes hat unterschiedliche Blickwinkel auf die Traditionsfähigkeit der diversen Etappen deutscher Militär- und Kriegsgeschichte sehr gut herausgearbeitet. Also: behandelt man ganze Epochen, insbesondere die Zeit zwischen 1939 und 1945, insgesamt als nicht traditionsfähig oder konzentriert man sich unabhängig davon auf Einzelpersonen? Aber wenn man sich auf Einzelpersonen einlässt – nach welchen Kriterien? Rein militärische Leistung, da kommt dann wieder die Kriegführung der Wehrmacht dazwischen, genügt dann nicht, sondern es geht um Ethos und Haltung und daraus getroffene mutige Entscheidungen. Das ist in anderen Epochen sicherlich anders.

Hier die Hauptseite des BMvG zu dem Projekt:

 

Kommentar von Christoph Prössell, ARD

“Viel drängender als die Formulierung eines neuen Traditionserlasses wäre also die Umsetzung des Papiers von 1982. Dass dies bislang nur unzureichend geschehen ist, hat auch Verteidigungsministerin von der Leyen zu verantworten. Warum ist die Lent-Kaserne in Rotenburg/Wümme immer noch nach einem Piloten der Wehrmacht benannt, der nicht Teil des Widerstandes war? Warum soll ausgerechnet dieser Soldat ein Vorbild sein? Meiner Meinung nach ist das völlig aus der Zeit gefallen.”

Stellungnahme von Klaus Wittmann, Brigadegeneral a.D

TRADITIONSPFLEGE DER BUNDESWEHR 
Der Traditionserlass braucht keine radikale Revision

“Tradition spielt für die Bundeswehr eine zentrale und identitätsstiftende Rolle. Ihre Inhalte müssen jedoch in Einklang mit dem Grundgesetz stehen. Dafür sind die Grundsätze des Traditionserlasses von 1982 weiterhin brauchbar, müssen jedoch verdeutlicht und verinnerlicht werden.

(…) Und natürlich orientiert sich die Bundeswehr in operativ-taktischer Hinsicht an Fachleuten wie Guderian und Rommel. Aber das nenne ich nicht Tradition, ebensowenig wie die Achtung und das Mitgefühl, die ich gegenüber der „missbrauchten“ Kriegsgeneration meines Vaters empfinde. Bei Kasernennamen hat die Bundeswehr in der Vergangenheit manche Kompromisse mit ihrer programmatischen Ablehnung von Wehrmachttradition gemacht. Aber in krassen Fällen gab es längst Umbenennungen  wie bei der Generaloberst-Dietl-Kaserne in Füssen.  Bei einzelnen noch strittigen Namensgebungen (z.B. nach dem Kampfflieger Helmut Lent) sollte man behutsam vorgehen, sowie auch Kommunen und betroffene Truppenteile an der Entscheidung über eventuelle Umbenennung beteiligen.”

Anmerkung:
Hier wird ein Nachteil des bisherigen Verfahrens angesprochen. Nach Beginn des “Findungsprozesses” wurden “interessierte Kreise” aktiv und begannen ihre Initiative, die zum Ziel hatte, den Namen zu erhalten. Die Motivation ist nicht eindeutig zu erkennen. Es ist jedoch offensichtlich, dass der Rat der Stadt zu einem Zeitpunkt involviert wurde, wo er die Bedeutung des Traditionserlasses für die Soldaten und die Bundeswehr nicht kannte oder für nicht maßgeblich gehalten haben muss. Hier wäre eine Betreuung und Moderation des Prozesses durch Mitarbeiter des BMVg geboten gewesen. So wäre die Diskussion und die Entscheidungen sicherlich sachlicher und auch mit anderem Ergebnis verlaufen.

Stellungnahme von Kai Rohrschneider

Soldaten brauchen Vorbilder aus dem Kampf

Brigadegeneral Kai Rohrschneider, Chef des Stabes des US-amerikanischen Heeres in Europa, kam auf die Debatte um die Benennung von Kasernen der Bundeswehr zu sprechen. Nach seiner Wahrnehmung habe diese Diskussion in der Truppe nicht den Stellenwert wie in der Öffentlichkeit. Rohrschneider brachte es auf den Punkt: „Ich brauche keine Moltke-Kaserne, aber ich möchte Moltke studieren.“

Anmerkung:
Hier kann man sich fragen, inwieweit die Soldaten der Rotenburger Kaserne, eine “Lent-Kaserne brauchen”, wenn sie schon nicht “Lent studieren”, das sie mehrheitlich dem Jägerbatallion 91 angehören – also dem Heer (Bodentruppen) während Lent als Nachtjäger der Luftwaffe angehörte – in einem Krieg, dessen technische und taktische Möglichkeiten weit unter den heutigen Möglichkeiten lag. “Zahme Sau” und “Schräge Musik” oder der “Kammhuber-Riegel” waren für die Nachtjagd seinerzeit aus Deutscher Sicht führend – aber kaum als Inspirationsquelle für Truppen des Heeres geeignet.

 

Workshop: Traditionserlass zwischen Vergangenheit und Zukunft

Generalleutnant Jörg Vollmer, Inspekteur des Heeres, zeichnete in seinem Impulsvortrag ein Bild der Geschichte des Heeres. Hier sei bereits vieles verankert, was auch traditionsstiftend für die Bundeswehr sei. Kampfhandlungen gehörten aber erst seit dem Afghanistaneinsatz zur Bundeswehr. Hieraus gelte es Vorbilder zu generieren, die traditionsstiftend für die Bundeswehr sein können.

Am Ende der Workshops wurden die Ergebnisse präsentiert. Dabei wurde deutlich, dass es keinen Bedarf an einer grundsätzlichen Neufassung des Traditionserlasses gibt. Es genüge, so die mehrheitliche Meinung, den bestehenden Erlass zu modifizieren und zu ergänzen.

 

Ein Bericht mit Kommentar dazu von Thomas Wiegold. Wiegoldschreibt über Verteidigungs- und Sicherheitspolitik, über die Bundeswehr, ihre Struktur, ihre Technik und ihre Einsätze. Die Truppe hat er seit 1993 im Blick und beobachtet sie von der Heimatfront bis zum Hindukusch.

Der Darin verlinkte Artikel zum Eigenbericht des Heeres:

Wo kommen wir her? Was treibt uns an? Worin liegt unsere Tradition? Antworten auf diese Fragen sollen für die Soldatinnen und Soldaten im Heer in einem neuen Projekt gefunden werden. Ziel ist es, die Überarbeitung des Traditionserlasses der Bundeswehr aktiv zu begleiten und durch dieses eigene Projekt zu unterstützen. Fragen dazu beantwortet der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Jörg Vollmer, im Interview mit der Redaktion von www.deutschesheer.de.

Im Artikel schreibt Vollmer:
Die Bundeswehr und das Heer können mittlerweile immer größere Anteile ihrer Tradition selbst begründen. Dazu gehören aus meiner Sicht: der Dank und die Würdigung der Aufbaugeneration der Bundeswehr, die Bewältigung von Katastrophen im Inland, der Erfolg im Kalten Krieg, die Verdienste im Zuge der Wiedervereinigung und der langjährigen Einbindung in multinationale Strukturen und insbesondere die Bewährung im Einsatz.

Seit über 20 Jahren steht das Heer weltweit im Einsatz. Es hat sich dabei herausragend bewährt und auf dem Boden unseres Grundgesetzes Treue, Tapferkeit, Gehorsam, Kameradschaft und Fürsorge vor- und erlebt. Dazu gehört auch das Gedenken an die im Einsatz verwundeten und gefallenen Kameraden.
Darüber hinaus ist es das Dienen, das Kernbestand des soldatischen Selbstverständnisses in der Bundeswehr ist. Mit dem Übergang zur Freiwilligkeit gilt uneingeschränkt für alle Soldatinnen und Soldaten, dass diese mit dem Eintritt in die Bundeswehr eine bewusste Entscheidung treffen, unserem Land und seiner Werteordnung zu dienen.