Günther Rall, Lent – und der Möldersbrief

Der  Aufruf einer Rotenburger Initiative beinhaltet einen Verweis auf ein Interview aus der Sueddeutschen Zeitung, in dem der Pilot Günther Rall interviewt wurde. Dieses “Zeugnis von Günther Rall” wird in der Begründung angeführt mit den Worten: “4. Der spätere General der Bundeswehr Rall äußerte sich eindeutig, dass Helmut Lent kein Nazi gewesen ist.

Günther Rall äußerte sich 2009 wie folgt zu Helmut Lent:

“Oder da war der Nachtjäger Helmut Lent, ein erklärter Antinazi. Sein Bruder war evangelischer Pastor, sein Vater ebenfalls. Der Bruder hat den Möldersbrief (ein gefälschtes, angeblich von Mölders verfasstes nazikritisches Schreiben, SZ) von der Kanzel verlesen und kam in Gestapohaft. Und der Lent schreibt an den Chef des Sicherheitshauptamtes: Ich bin Eichenlaubträger, ich will, dass mein Bruder wieder freikommt. Aber sie ließen ihn nicht frei. Der Machtapparat hat Druckmittel gesucht, mit denen man die bei der Fahne halten konnte, sodass die nicht gegen das Regime sprachen.”

Laut Peter Hinchcliffe hatte der Bruder von Helmut Lent zwei Sätze des Möldersbriefes in seine Predigt am Heldengedenktag verwendet. (The Lent Papers, S. 148) Der Mölders-Brief war ein Werk britischer Propaganda, dessen Ziel “Zersetzung” war – also das Stiften von Unruhe im Nationalsozialistischen System. Mölders war Katholik gewesen. Der gefälschte Brief nutzte nun also den Unfalltod von Mölders und den katholischen Glauben aus, um einerseits das Gerücht zu unterstützen, Mölders Unfall sein ein verdecktes Attentat gewesen, und andererseits gläubige Christen zur Kritik am NS-System anzustiften. Wie Jakob Knab in seinem Buch “falsche Glorie” schreibt, wurde der Möldersbrief in zahlreichen Sonntagsgottesdiensten und im Religionsunterricht vorgelesen. Der Bruder Helmut Lents war also kein Einzelfall.

Es existiert eine Kopie des Briefes von Helmut Lent, auf den sich Rall bezieht. Dieser datiert vom 15. Juni 1942 und ist gerichtet an das Reichssicherheitshauptamt in Berlin. Er führt darin aus, dass sein Bruder am Sonntag, an dem er die beiden Sätze in seiner Predigt verwendet hat noch nicht wissen konnte, dass es sich um eine Fälschung handelte, da die Zeitung verspätet zugestellt wurde. Da es dafür mehrere Zeugen gäbe, sei die Unschuld seines Bruders nachweisbar. Lent schreibt, dass “im Sinne einer objektiven Untersuchung es ratsam wäre , diese Zeugenaussagen anzunehmen und zu den entsprechenden Schlüssen zu gelangen”. Weiter schreibt er, er bitte nicht um Gnade,  aber er bittet, Recht walten zu lassen für seine Familie”. (im Englischen übersetzt vom Hinchcliffe mit :”I am not begging for mercy, but I am requesting Justice for my family” Er schließt mit den Sätzen “Ich hoffe, dass nun, da ich die Fakten präsentiert habe, ich nicht um etwas unmögliches bitte”

Dieser Vorgang wurde auch in einem Gutachten des ZMSBw erwähnt. Dort steht:
Bei seinem Einsatz für vom Regime bedrängte Familienangehörige beging er keine Grenzüberschreitung, die für das Regime zu einer Herausforderung geworden wäre und ihm deshalb zum Nachteil gereicht hätte. Auch nach heutigem Verständnis lässt sich dieses Engagement nicht als Widerstand gegen den Nationalsozialismus verstehen

Exkurs:  Der Mölders-Brief

Der von den Engändern gefälschte Mölders-Brief mußte, wenn er die Erregung der deutschen Bevölkerung schüren sollte, in Deutschland zur Verteilung gebracht werden, ehe derTodesfall Mölders’ seine Aktualität verlor. Da die Verteilung des Briefes durch die Agenten der SOE (Special Operations Executive) zuviel Zeit in Anspruch genommen hätte, entschloss sich der Geheimdienst, den Brief durch die Royal Air Force abwerfen zu lassen. Um den Abwurf aus der Luft glaubhaft zu machen, fügte man eine kurze Einleitung eines anonymen Luftwaffenoffiziers hinzu und ließ den ganzen Text auf gefälschtes Funkerpapier der deutschen Luftwaffe abziehen. Damit wurde bei den Findern des gefälschten Mölders-Briefes der Eindruck erweckt, ein deutscher Nachtjäger habe den Brief abgeworfen

Der Brief enthält ein klares Bekenntnis Mölders’ zur katholischen Kirche. Da Mölders, der aus der katholischen Jugendbewegung kam, als praktizierender Katholik bekannt war, zweifelten weite Kreise der Bevölkerung nicht an der Echtheit des Briefes. Vor allem die kirchlich gebundenen Bevölkerungsgruppen beider Konfessionen schrieben den Brief ab, vervielfältigten und verbreiteten ihn. Viele Geistliche beider christlichen Bekenntnisse in ganz Deutschland haben den Brief von der Kanzel aus beim Gottesdienst verlesen. Die Staatspolizeistelle Nürnberg-Fürth ermittelte beispielsweise im April 1942 allein in ihrem Bereich elf katholische und sieben evangelische Geistliche und neunzehn katholische und sieben evangelische Laien, die den Brief weiterverbreiteten oder beim Gottesdienst verlasen. Das Landratsamt Aichach (Oberbayern) erfasste zwei Geistliche, die den Brief nach der Verlesung von der Kanzel an die Kirchentüren hefteten.

Brief von Helmut Lent

Die Gestapo schritt gegen die Verbreitung des Briefes energisch ein. Einige Geistliche wurden verhaftet, Geistliche und Laien staatspolizeilich verwarnt, Schreibmaschinen und Vervielfältigungsgeräte beschlagnahmt. Die Geistlichen und Religionslehrer, die den Brief in der Kirche oder im Religionsunterricht verlesen hatten, mussten auf Anordnung der Gestapo einen im Wortlaut festgelegten Widerruf über die Fälschung des Briefes verlesen. Behörden und Presse bemühten sich um Verbreitung des Widerrufs. Die Gestapo sah in der Fälschung ein geschicktes Propagandamittel der katholischen Kirche, die mit dem Brief ein hervorragendes und allgemein beliebtes Soldatenidol herausstellen wollte, um gegenüber der neu-heidnischen Propaganda des Regimes aufzuzeigen, dass die größten Helden stets auch gute Katholiken gewesen seien, dass sich also Heldentum und Christentum durchaus vereinen ließen.

Dieses Verständnis (Soldatentum/Christenum) drückte Lent auch in einem Brief aus, in dem er schrieb:

Der Soldat und der Christ müssen ganze Kerle sein. Der eine schaut dauernd dem Tod, der andere dem Teufel in die Augen . Der Soldat kann nur vermöge seiner christlichen Einstellung wahrhaft Großes vollbringen . Der Christ aber, wenn er eine gewisse soldatische Haltung besitzt.

Der Möldersbrief im Wortlaut

Mein lieber Herr Propst

Zu den schönsten Stunden an der Front gehören die Stunden, in denen ich Ihre lieben Briefe lesen kann. Seien Sie nicht böse, väterlicher Freund, wenn ich Urnen nicht immer gleich antworten kann, aber die Zeit fehlt. Über meine Arbeit habe ich Ihnen schon im vorigen Briefe ausführlich berichtet, aber sie ist immer noch die gleiche. Inzwischen sind wieder viele meiner Kameraden gefallen. Aber die Angst vor dem Tode haben wir verlernt, denn was ist der Tod anderes als eine kurze Trennung, dann ein besseres Wiedersehen im Jenseits. Viele der sogenannten „Lebensbejahenden”, die uns noch zu Anfang der großen Schlachten verlachten und verspotteten, holen sich jetzt bei „lebensverneinenden Katholiken” Mut und Kraft. Sie beneiden uns, daß wir über dies irdische Leben leichter hinwegkommen als sie, an dem die Anderen mit allen Fasern ihres Herzens hängen, sie haben den Spott und Hohn im Angesicht unserer seelischen Stärke, die wir allein unserem Glauben verdanken, verlernt. Viele sind bekehrt und setzen das Ideal jetzt höher als alle irdischen Schätze und Verlockungen. Und ich glaube, daß hierin ein tiefer Sinn des Krieges liegt. Es ist an der Zeit, daß die Menschen wieder glauben lernen, wieder beten lernen. Ich freue mich, Ihnen sagen zu können, daß durch unser katholisches Beispiel viele besser und glücklicher geworden sind. Ihr Spott verwandelt sich in Achtung, in Liebe. Für sie ist es nicht so leicht wie für uns, aber es gibt nichts Schöneres, als wenn ein Mensch sich durch allen Schlamm sich durchgerungen hat zum Erkennen, zum Licht, zum wahren Glauben. Um mich brauchen Sie keine Sorge zu haben. Wenn ich eines Tages mein Leben für die Freiheit unserer Nation hingeben muß, die Gewißheit kann ich Ihnen geben, ich falle im alten Glauben, gestärkt durch die Sakramente der Kirche. Wenn auf dem letzten Gang mein Priester auch nicht mehr dabei sein kann, so verlasse ich diese Erde im Bewußtsein, in Gott einen gnädigen Richter zu finden. Noch aber habe ich die feste Hoffnung, daß sich alles zum Guten wenden wird.

Schreiben Sie mir bald wieder und gedenken Sie im Gebet Ihres

gez.: Werner Mölders

 

 

 

 

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