Stimmen aus Reservisten-Kreisen zur Namensdebatte

Im Kreis der Reservisten wird die Namensdebatte um die Lent Kaserne mit Skepsis betrachtet. Viele Soldaten lehnen eine Umbenennung ab. Die Leserbriefe einer Zeitschrift der Reservisten gibt einen Einblick auf die Sichtweisen in Resevisten-Kreisen.

Stimme eines OBtsm der Reserve

Ein OBtsm der Reserve forderte, man müsse diese Frage der Kasernennamen “sine ira et studio” – also “ohne Zorn und Eifer” beantworten. Er wirft dem Militärhistoriker Detlef Bald vor, “dem Menschen und der historischen Situation” nicht gerecht zu werden. Man könnte nun einwenden, der zweite Weltkrieg sein von Rasseideologie getragener Anfriffs- und Vernichtungskrieg gewesen – und würde damit nach gängiger Auffassung zumindest der “historischen Situation” Rechnung gerecht werden. Der OBtsm der Reseve kritisiert weiter die Auffasung Detelf Balds, Lent sei “Bote des Nationalsozialismus gewesen” – und schreibt “dafür gibt es keine belastbaren Anhaltspunkte”. Dies stellt sich in den Gutachten zu Helmut Lent, aber auch in seinen Briefen an die Kommandeure anders dar – was sicherlich auch eine Frage dessen ist, was man als “belastbar” anerkennt. Die Serie aus Hitler-Jugend, Treueeid, Karriere, persönlicher Treffen, Bevorzugung und hervorragenden Zeugnissen für die Weitergabe der Nationalsozialistischen und vorliegenden Reden und Briefen scheinen nicht zu überzeugen. Und so schließt der Reservist seinen Leserbrief mit der Feststellung: “Lent hat wie Millionen andere auch den verbrecherischen Charakter des Regimes nicht erkannt und lediglich gemeint, seinem Vaterland treu und tapfer dienen zu müssen.”

Stimme eines StFw der Reserve

Konrad Adeneauer Zitat Bundeswehr Wehrmacht

Konrad Adenauer

Ein StFw der Reserve weist auf die Reden von Konrad Adenauer hin und zitiert aus einer rede vom 05.04.1951: “Der Prozentsatz derjenigen, die wirklich schuldig sind, ist so außerordentlich gering und so außerordentlich klein, dass damit der Ehre der früheren deutschen Wehrmacht kein Abbruch geschieht.” Das ist eine Einschätzung und Bewertung einer Person zu einer Zeit, als es darum ging mit “NS-belastetem Personal” eine neue Armee aufzustellen. Die zeit für ein “Tabula Rasa” war da noch nicht gekommen – tatsächlich gab es zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal eine Tabula – also eine Tradition einer Deutschen Bundeswehr – die Rede stammt aus der Zeit vor ihrer Gründung. Der StFw der Reserve schließt jedoch draus dass Adenauer aus heutiger Sicht mit Reden wie dieser “den Grundstein für die Traditionen die in Teilen der Bundeswehr gepflegt werden gelegt und der Namensgebung von Kasernen Vorschub geleistet” habe. Dabei verliert er jedoch aus dem Blick, dass Traditionen sich im Wandel befinden. Spießrutenlaufen z.B. ist aus der Mode gekommen. Bestimmte Formen des Drills ebenfalls. Man müsste an dieser Stelle vielleicht zwischen “zeitlichem Vorläufer” und “Grundstein” unterscheiden. Nicht alles, was Vergangenheit ist, ist auch gleichzeitig “Fundament” auf dem alles heutige aufgebaut ist. Allzu gerne wird eine Neubewertung der Vergangenheit so dargestellt, als würde man der Gegenwart den Boden entziehen. Tatsächlich ist die kulturelle Entwicklung der Prozess der Weiterentwicklung und der Neuorientierung – ansonsten wären wir noch in der Steinzeit, der Antike, dem Mittelalter oder am Anfang der industriellen Revolution, sind wir aber nicht. Der StFw der Reserve schließt mit einem leicht polemischen Satz  und fragt, ob dies in der heutigen Zeit, nicht  ein Grund sei,”das Konrad-Adenauer-Haus (Bundesgeschäftsstelle der CDU im Berliner Ortsteil Tiergarten) umzubenennen?!” Und fragt abschließend “Wer wirft den ersten Stein?” – wohl anspielend auf das Jesus-Zitat, dass der, der ohne Sünde sei, den ersten Stein werfen möge. Es ist nicht klar, ob sich dieses Zitat auch im Sinne von “Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus” verstehen lässt oder ob dies allgemein ein sehr früher Fall von “Whataboutismus” ist. Denn hier wird ja von der vermeintlichen Schuld des einen auf die Schuld eines anderen, bzw. der eigenen Schuld verwiesen – auch unser rechtssystem würde durch die Anwendung dieser biblischen Weisheit sicher nicht funktionieren. Daher hat dieses Zitat sicherlich die Aufgabe eine “unzweifelhafte Mindestschuld” Helmut Lents – woraus auch immer man diese ableitet – zu relativieren.

Stimme eines Hauptmanns der Reserve

Reibert Wehrmacht Tradition Bundeswehr

Reibert zu Zeiten der Wehrmacht

Ein Hauptmann der Reserve argumentiert aus einer anderen Richtung. Er schreibt:” Eigentlich gehören ja auch Antrete- und Richtübungen, Marschieren mit Lied, Reibert, Spindaufbau oder die kernigen Sätze bei der Befehlsgebung auf den Prüfstand, das alles hat ein Geschmäckle und erinnert genauso an dunkle Zeiten wie ein Stahlhelm in einer Vitrine.” Er differenziert also nicht zwischen “spezifischen Traditionen der Wehrmacht” und versteht “Tradition” auch nicht als “Überlieferung von Werten und Normen” – also moralischen Kategorien, wie es der Traditionserlass von 1982 formuliert. ergeht aber auch noch auf einen anderen Punkt ein, denn er spricht der Bundeswehr die “Würde” ab, sich in einer Linie der Wehrmacht zu sehen, wenn er schreibt “Einer Streitmacht, die nicht in der Lage ist, Waffen, Gerät und Ausrüstung selbst zu warten, die aus Soldaten Gutmenschen in Uniform machen möchte in einem Land, dem es nicht einmal gelingt, funktionsfähiges Material bereitzustellen, steht es überhaupt nicht zu, sich in irgendeiner Linie mit Wehrmacht oder Kaiserheer zu sehen.” Er wird zum Schluss auch noch deutlicher, wenn er meint “Die Gefallenen der beiden Weltkriege würden sich im Grabe umdrehen“, im Angesicht von Diskussionen um Transgender in der Bundeswehr, Umstandsuniformen oder “Kriegsspielen nach EU Arbeitszeitverordnung” hören würde und beklagt “Die Selbstauflösung der Bundeswehr ist erfolgreich im Gange.” Aus dieser Einschätzung wird zum einen die Forderung erkennbar, die Bundeswehr solle sich bewusst in einer Traditionslinie zur Wehrmacht stellen und zum anderen, sie solle sich hinsichtlich ihrer Werte und Normen auch an Armeen orientieren, die vor 60 bis 120 Jahren in Deutschland existiert haben und deren Aufgaben, Struktur und Selbstverständnis von Nationalismus, Diktatur, Monarchie und zwei Weltkriegen bestimmt waren. Diesem Hauptmann der Reserve scheint es unbegreiflich, dass eine Armee im 21. Jahrhundert in einem Europa befreundeter Länder und in einem durch Grundgesetz und Gewaltenteilung gefestigten Demokratie eine andere Struktur und ein anderes Selbstverständnis haben könnte.

Stimme eines Feldwebels der Reserve

Nationalsozialismus Lebensunwertes Leben

Lebensunwertes Leben

Ein Feldwebel der Reserve beschreibt die Vorgänge in der Bundeswehr als, “Bildersturm in den Kasernen. Verunglimpfung verdienter Wehrmachtsoffiziere.” und beklagt “Was sich derzeit wieder abspielt ist beispiellos was die Diffamierung und Ehrabschneidung einer ganzen Soldatengeneration anbelangt.” Auch hier wird das Kind wieder mit dem bade ausgeschüttet und nicht differenziert. Dass eine Armee einer Diktatur – zumal wenn diese für einen rasseideologisch motivierten Angriffs- und Vernichtungskrieg aufgebaut, geführt und optimiert wurde sich von einer Bundeswehr im 21. Jahrhundert unterscheiden können, scheint dem Autor weder offensichtlich, noch nachvollziehbar. Die Ikonen dieses Regimes können auch heute auch “Botschafter” von Idealen und Ideologien des Nationalsozialistischen Regimes sein. Damals wie heute können sie als Leitbilder genutzt werden um moralische Standards und Wertesysteme in der heutigen Zeit zu verankern, die aus dieser menschenverachtenden Diktatur stammen, in der “lebensunwertes Leben” ausgerottet wurde und in der “fanatisch bis zum letzten  Blutstropfen” gekämpft wurde. Dies ist jedoch der Bundeswehr – als Partlamentsarmee eines demokratischen Deutschlands nicht angemessen. Der Feldwebel der Reserve analysiert: diese Entwicklungen seien “in dieser Form einmalig auf der Welt und nur dem Zeitgeist der heutigen deutschen Zivilgesellschaft geschuldet.” und wirft die Frage auf, ob nur die Folgen einer chaotischen Flüchtlingspolitik unserer Kanzlerin oder das klägliche Versagen des BAMF kaschiert werden” sollen. Was der Herr aus dem Blick verliert, ist, dass die Diskussion um  Wehrmachtstraditionen ein fortlaufender Prozess ist und im Grunde die Bundeswehr seit ihrer Gründung begleitet. Dazu kann man die Diskussionen rund um den Traditionserlass von 1965, den neueren Traditionserlass oder die Diskussionen um Kasernennamen und Traditionsnamen von Truppenteilen studieren. Denn Umbenennungen gibt es fortlaufend und die Diskussion über die Traditionswürde der Wehrmacht existiert seit der Gründung der Bundeswehr.

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